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Risikokompetenz

Kinder nicht in Watte packen

Risikokompetenz: Kinder nicht in Watte packen
 © Bild: indigolt - Fotolia.de

Kinder brauchen Gelegenheiten, ihre Kräfte zu spüren und die eigenen Grenzen zu erfahren. Dafür plädiert auch Autorin Gerlinde Unverzagt im kizz-Elternratgeber „Selber fliegen! Warum Kinder keine Helikopter-Eltern brauchen“. Im folgenden Auszug aus dem Buch verrät sie, wie gelassene Eltern ihre Kinder stärken.

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„Guck mal, wie hoch ich schon bin!“, brüllt Max triumphierend von der obersten Sprosse des Klettergerüsts. Seiner Mutter bleibt fast das Herz stehen. „Halt dich bloß fest!“, ruft sie – und da ist es auch schon passiert. Max hat so wild gewinkt, dass er aus dem Gleichgewicht geraten und heruntergefallen ist. Jetzt weint er bitterlich und auf seiner Stirn wächst eine schmerzende Beule. Außerdem blutet er aus einer Wunde am Kinn und seine Hände sind verschrammt. Erschrocken versucht seine Mutter, ihn zu trösten, und gibt sich insgeheim selbst die Schuld an dem Sturz: Ich hätte Max daran hindern sollen, so hoch zu klettern. Ich habe nicht gut genug auf ihn aufgepasst!

Sind die Selbstvorwürfe der Mutter berechtigt? Nein! Wenn ein Kind auf einen Baum klettert und die Eltern es auf halbem Weg zurückholen, vermasseln sie ihm ein Erfolgserlebnis. Man kann Kinder nicht gegen alle Gefahren abschotten. Voller Angst packen viele Eltern ihre Kinder jedoch in Watte – und richten damit den größeren Schaden an. Nichts kann einen Menschen mehr stärken als das Vertrauen in seine Fähigkeiten. Das Gegenteil davon, vor allem bewahrt zu werden, bedeutet Stress. Und diesem Stress sind leider viele Kinder ausgesetzt. Durch die überfürsorgliche Belagerung ihrer Eltern. Doch Springen, Klettern, Toben und Rennen gehören zum Kindsein dazu, genauso wie aufgeschürfte Knie oder nasse Kleider. Eltern sollten immer abwägen: Muss ich die ausgelassene Planscherei an der Wasserpumpe wirklich beenden, damit sich mein Kind nicht erkältet? Mancher große Spaß ist durchaus einen kleinen Schnupfen wert.

Ich will, ich kann!

Es scheint paradox: Kleine Kinder sind zwar sehr viel zerbrechlicher, aber auch bedeutend zäher als Erwachsene. Sie scheinen geradezu versessen darauf, sich zu verausgaben. Im aufgedrehten Spiel genauso wie beim mutigen Versuch, den Küchenschrank zu erklimmen, um an die Keksdose heranzukommen. Sie wollen ihre Kräfte messen, ihre Geschicklichkeit erproben, groß und stark sein. Sie trauen sich viel zu und können ganz genau erklären, warum sie gerade das tun wollen, was die Erwachsenen ihnen verbieten. Mit aller Macht wollen sie Neues ausprobieren und zeigen, was sie schon alles alleine können. Was liegt da näher, als ihnen möglichst viel Gelegenheit dazu zu geben?

Ohne Risiko kein Lernen

Wie man kritische Situationen meistern kann, ohne Schaden zu nehmen, müssen Kinder üben dürfen. Natürlich kann das für die Erwachsenen manchmal ganz schön anstrengend sein, weil Kinder Dinge auf ihre Weise tun wollen und in ihrem Tempo. Und wenn sie ihre Fähigkeiten überschätzen, kann auch mal etwas danebengehen. Eltern fühlen sich dann oft aufgerufen, frühzeitig einzugreifen und die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Dadurch bringen sie Kinder um die wichtige Erfahrung, etwas aus eigenen Kräften geschafft zu haben. Chiara zum Beispiel hält morgens einfach nur noch Arme und Beine hin und wartet, dass sie jemand auszieht. Früher hat sie es manchmal alleine versucht, doch das ging den Eltern nicht schnell genug. Oder Julius: Er weiß die Wochentage auswendig und zählt schon bis zwanzig. Aber sein Butterbrot hat er noch nie selbst geschmiert. Seinem beherzten Griff nach dem Messer hat seine Mutter immer viel Fürsorge entgegengesetzt – zu gefährlich, zu viel Geschmier: „Lass mich das lieber machen.“ Und schon wieder ist eine Gelegenheit ungenutzt verstrichen. Dabei hätte es doch gereicht, für den Notfall ein Heftpflaster zur Hand zu haben. Was kann im schlimmsten Fall passieren? Das ist eine gute Frage, mit der sich Eltern immer wieder bremsen können, damit sie nicht zu früh eingreifen.

Bremse ich mein Kind zu früh aus?

Haben Sie sich selbst schon öfter dabei erwischt, wie Sie Ihrem Kind übereifrig zur Hilfe springen und jedes kleine Hindernis beseitigen? Denken Sie mal darüber nach:

  • Nehmen Sie Ihrem Kind im Alltag immer mal wieder Dinge ab, die es eigentlich schon selbst kann?
  • Können Sie dabei zuschauen, wie Ihr Kind ein überschaubares Risiko eingeht, oder müssen Sie immer gleich eingreifen, um blaue Flecken zu vermeiden?
  • Ihr Kind wird im Sandkasten von einem größeren Kind geschubst. Haben Sie den Nerv abzuwarten, wie Ihr Kind reagiert, oder laufen sie gleich hin, um den Streit zu schlichten?
  • Welche immer wiederkehrenden Situationen aus Ihrem Alltag fallen Ihnen vielleicht noch ein?

Wie viel Schutz brauchen Kinder?

Die Jahre gehen ins Land, und mit Schmerzen erkennen Eltern ihre begrenzten Möglichkeiten, ihr Kind zu beschützen. Sie spüren deutlich, dass sie zwar der starke Beschützer bleiben wollen, das aber nur geht, wenn sie sich quasi in einen Gefängniswärter verwandeln. Immer mehr potenzielle „Gefahren“ tauchen auf: Im Schulbus gibt es keine Sicherheitsgurte, der Mathelehrer ist blöd, die Freundin der Tochter verbietet ihr, mit anderen Mädchen zu spielen … Keines dieser Probleme muss energisch angegangen werden, aber es bekümmert Eltern trotzdem mitanzusehen, was ihrem Kind so zustößt. Ihre Möglichkeiten einzugreifen, sind jedoch begrenzt. Die Gratwanderung zwischen freundlicher Ermutigung zur Selbstständigkeit und dem nötigen Schutz, den ein Kind braucht, setzt sich fort. Meistens sind wir übervorsichtig, und dabei besteht die Gefahr, die ganze Welt außerhalb des Familienumfelds als ein einziges Nest von Perversen und Kindsmördern zu sehen. Der übertriebene Schutz ist auch eine Reaktion auf die Massenmedien, die jeden Tag schreckliche Dinge berichten, die manchen Kindern zustoßen, wenn sie nicht genügend geschützt werden.
Was aber lange nicht so oft passiert, wie die Medien uns weismachen wollen. Und trotzdem reagieren wir oft übertrieben und verschärfen die Familienregeln.

Vertrauen entwickeln und schenken

Der ausgleichende Faktor ist der Widerstand der Kinder: Sie wollen Neues kennenlernen, ihre Fähigkeiten erproben, Fehlschläge riskieren und Leute kennenlernen, die nicht die Meinung der Eltern teilen. Versagt man ihnen das, hat man es bald mit einem ängstlichen, misstrauischen Kind zu tun, das sich selbst nichts zutraut. Kinder müssen auch für sich sein dürfen. Sie brauchen zeitweise unbeaufsichtigte Orte, an denen sie sich unabhängig und von den Argusaugen der Erwachsenen unbeobachtet austesten können. Sie müssen etwas riskieren dürfen, Fehler machen, um daraus lernen zu können. Leib wie Seele brauchen Ballaststoffe – wenn wir Kindern diese vorenthalten, behindern wir ihr Potenzial.
Gerade Eltern brauchen Vertrauen in den Lauf der Dinge. Und besonders viel Vertrauen in das eigene Kind, das übrigens selbst großen Wert darauf legt, dass es ihm gut geht. Wir müssen unsere Kinder warnen, auf die Welt vorbereiten und schützen. Aber eines Tages müssen wir sie gehen lassen. Das entbindet nicht von der Verantwortung, aber im Hinterkopf müssen Eltern die Idee wachhalten, dass alles nicht so furchtbar tragisch ist und nicht jeder Irrweg in eine Katastrophe führt.
Wenn wir Kinder in ihrer Kreativität und Freiheit zu sehr beschränken, werden sie ängstlich und unselbstständig. Sie können, in Watte gepackt, einfach nicht groß und stark werden. Das aber wünschen sich doch alle Eltern von Herzen – für die Zeit, wenn sie nicht mehr da sind, um ihre Kinder zu beschützen.

kizz Buchtipp

Hat Euch dieser Auszug aus dem kizz-Elternratgeber gefallen? Dann lest mehr darüber, wie Eltern übertriebene Fürsorge vermeiden und die Selbstständigkeit ihrer Kinder unterstützen:

Gerlinde Unverzagt, Selber fliegen! Warum Kinder keine Helikopter-Eltern brauchen. Verlag Herder 2015, 64 Seiten, € 9,99

Ich bin freie Journalistin und Autorin, habe vier Kinder und lebe in Berlin. Ich schreibe auch für das kizz.-Magazin.

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3 Kommentare

Von am

Das spricht mir aus der Seele
schön das es nun endlich mal verschtiftlicht ist um den Eltern dies näher zu bringen .?.

Von am

Der Artikel hat mich richtig angetan.Es tut gut eine Bestätigung zu lesen,denn ich bin eine Mutter aus der Sorte,die ziemlich locker mit meinem Kind umgeht.Mein Sohn ist 10 Monate alt und fing mit 8 Monaten an die Welt zu erkunden durch Krabbeln und anfängliches Gehen. Dazu gehört natürlich das immer wieder hinfallen. Selbstverständlich schaue ich immer wo er sich gerade befindet und was er in der Hand begeistert erkundet. Ich bleibe allerdings oft sitzen, wenn er anfängt zu weinen, weil er hinfällt oder sich weh tut. Ich werde von meiner Mutter aber vor allem von meiner Schwiegermutter oft "zurechtgewiesen", ich solle doch bitte mehr aufpassen. Im Gegenzug verbiete ich Ihnen dieses "oh mein gott" zu brüllen, wenn mein Kind fällt.

Von am

Unsere Kinder brauchen auch keine Helikopter - Erzieher sondern Entwicklungsförderer die besonders den Krippenkindern und den Kids im Kiindergarten Hilfestellungen geben.

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