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Langeweile ist schlimm - und fördert neue Kreativität

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Langeweile ist schlimm - und fördert neue Kreativität: Von 100 auf 0
 © Bild: Melissa Varoy - Fotolia.de

Wer die Langeweile von Kindern aushalten will, muss sich für eine längere Weile auf Maulerei gefasst machen. Aber es lohnt sich, nicht sofort mit Spielvorschlägen zur Stelle zu sein: denn aus Langeweile entsteht Kreativität.

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"Mir ist furchtbar langweilig!", wird die neunjährige Lina irgendwann im Urlaub sagen. Nächsten Freitag, am letzten Schultag, ist sie noch weit davon entfernt, an so etwas zu denken. "Endlich Ferien!", wird es heißen. Schluss mit dem täglichen Stress: Früh aufstehen, in der Schule hocken, Hausaufgaben erledigen... Endlich frei! Endlich tun und lassen können, was man will!

Aus dem Rhythmus gekommen

Viele Kinder leiden unter Stress. Schon Grundschulkinder haben mit Schlafstörungen, Kopfschmerzen und anderen Stress-Symptomen zu kämpfen. Dabei beginnt der Druck häufig früher. Optimale Förderung wollen Eltern ihrem Nachwuchs geben, am besten von Anfang an. Musikalische Früherziehung, Ballett- und Malunterricht - um nur ja nichts für die Zukunft zu versäumen, fahren sie ihr Kindergartenkind von Termin zu Termin. Und bereiten damit den Nährboden für Leistungsdruck. Der kratzt bald am Selbstbewusstsein und erzeugt emotionalen Stress. Angst zu versagen stellt sich ein - vor den Freunden, der Klasse, den Eltern. Kommen familiäre Probleme wie Trennung oder Krankheit eines Elternteils hinzu, vervielfacht sich der Stress.

Gleichzeitig fehlt Kindern immer mehr Raum für freies kreatives Spiel. Weil ihr Tag in ein enges Korsett gepfercht ist, bleibt keine Zeit, Gedanken und Gefühle ihrem eigenen Rhythmus zu überlassen. Weil sie überhäuft sind von vorgefertigtem Spielgerät und übermächtigen Medien, werden ihrer Fantasie die Flügel gestutzt. Und weil ihre Umgebung oft nur sterile Betonflächen statt abenteuerlichen Brachen bietet, fehlt ihnen die Möglichkeit, ihren Körper und ihre Sinne zu erfahren, frei, ohne Zweck, aus reiner Lust an der Bewegung.

Ohne Kontakt zu sich selbst

Und dann sind plötzlich Ferien. Keine Anforderungen, kein Zeitraster mehr. Der Urlaubsort hat Raum ohne Ende, Strand, Wiesen oder Wald. Es ist kein Computer da, vielleicht nicht einmal ein Fernseher. Am dritten Tag beginnt Lina zu klagen: "Mir ist sooo langweilig". Sie beschreibt den quälenden Zustand so: "Man hat ganz viel Zeit, alles zu machen, was man will, aber man hat zu nichts Lust und denkt, die Zeit geht nie rum". Langeweile, das ist ein Gefühl von Lustlosigkeit, Überdruss und Trägheit. Alles wirkt öde und die Zeit scheint sich endlos auszudehnen.

"Windstille der Seele" nannte der Philosoph Friedrich Nietzsche die Langeweile. Sie ist ein Zustand, sagt die Zürcher Psychologin Verena Kast, in dem der Mensch vorübergehend das lebendige Interesse am Leben verloren hat. Anders ausgedrückt: Ein Kind, das sich langweilt, ist nicht mit sich und der Welt im Reinen. Es spürt nicht mehr, was es wirklich interessiert, es hat den Kontakt zu sich selbst, zu seiner Kreativität verloren.

Der Gegenspieler von "langer Weile" ist das leidenschaftliche Interesse am Leben, erklärt die Psychologin. Kinder bringen dieses Interesse mit auf die Welt. Wachen Sinnes nehmen sie ihre Umgebung wahr, bereit, sich vorurteilslos allem und jedem zu stellen. Das Interesse, so Kast, ist der Quell intensiver, lustvoller Lebendigkeit. Aus leidenschaftlicher Anteilnahme am Leben entsteht schöpferische Fantasie. Das kleine Kind weiß intuitiv, was es will, es ist mit sich und der Welt im Reinen.

Kein Wunder, dass die Langeweile sich oft in dem Moment bemerkbar macht, in dem der äußere Druck wegfällt. Stress erzeugt Angst und Angst blockiert die Seele. Als "klassischer" Kreativitätskiller hemmt er den lebendigen Kontakt zu sich selbst und das schöpferische Interesse an der Außenwelt. Das Kind langweilt sich. Hinzu kommt die Übergangssituation. Der klar strukturierte Alltag ist zu Ende, etwas Neues hat sich in den Ferien noch nicht gezeigt. Auch das befördert die "Windstille der Seele". Bietet zudem die Außenwelt wenig Anregungen, weil in der brütenden Hitze des Tages nichts passiert, so spiegelt sich das "Nichts" erst recht im Gefühl unerträglicher Langeweile.

Auf den Flügeln der Fantasie

Auf Eltern wirkt "Mir ist sooo langweilig!" wie ein schwerer Vorwurf: "Ihr bietet mir nicht genug." Zudem erinnern sie sich meist, wie sie selbst an endlosen Sommernachmittagen gelitten haben. Aber auch als Erwachsene erleben sie manchmal dieses Unbehagen. Eine Sache ist plötzlich zu Ende, eine "Lücke" tut sich auf. Man weiß im Moment nicht, wie es weitergeht und die unsägliche "Windstille" ist da. Ablenkung durch Aktionismus lautet meistens die Devise, und so verfallen Eltern in hektische Betriebsamkeit, wenn sich ihre Sprösslinge in den Fängen der Lageweile finden. "Willst du nicht mal ins Planschbecken gehen?" "Du könntest doch ein Buch lesen." "Sollen wir ein Spiel spielen?" Traurige Erfahrung allerdings: Durch Ablenkung lässt sich der unbeliebte Zustand auf Dauer nicht vertreiben!

Das ist auch gut so, hätte der Philosoph Friedrich Nietzsche vermutlich gesagt. Er war nämlich der Ansicht, dass man durch die Langeweile hindurch muss, damit sich dahinter etwas Neues auftut. Ähnlich sieht es Verena Kast: Statt Ablenkung um jeden Preis empfiehlt sie, sich der Langeweile zu stellen, sich geradezu auf sie zu konzentrieren. "Was will mir die Langeweile sagen?" Es gilt sie zu akzeptieren, zuzulassen und zu nutzen, um zu den eigentlichen Interessen zurückzufinden.

Eltern sollten deshalb ihre Kinder ermutigen, die "lange Weile" auszuhalten, statt sie mit einem Trommelfeuer an Spielvorschlägen zu bombardieren - und damit neuen Stress zu erzeugen. Über kurz oder lang, ist Verena Kast sicher, kommt die Innenwelt von allein in Bewegung. Das Kind entspannt sich und kehrt auf den Flügeln seiner Fantasie zu Interesse und schöpferischem Spiel zurück. Ferien sind wie geschaffen dafür.

kizz Buchtipp

Zum Weiterlesen: Verena Kast: Vom Interesse und dem Sinn der Langeweile. dtv 2003

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