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Einschulung schon mit fünf

Chance oder Überforderung?

Einschulung schon mit fünf: Chance oder Überforderung?
 © Bild: Fotolia.de - MAST

Über Einschulung mit fünf Jahren wird schon länger diskutiert. Manche Kinder sind in diesem Alter bereits reif genug für die Schule jedoch andere nicht. Wichtig dabei ist den Entwicklungsstand des einzelnen Kindes zu betrachten.

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Das schlechte Abschneiden deutscher Schüler bei der Pisa-Studie; Mütter und Väter, die befürchten, dass sich ihr Nachwuchs im Kindergarten langweilt; das politische Ziel eines früheren Einstiegs von jungen Menschen in das Berufsleben: Es gibt viele individuelle und gesellschaftliche Gründe, die hierzulande dazu geführt haben, dass Kinder ihre Schullaufbahn immer häufiger schon im Alter von fünf Jahren beginnen. Und die Schulpolitiker von immerhin sieben Bundesländern haben Fakten geschaffen: In Thüringen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Brandenburg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Berlin werden jetzt nicht mehr nur die Kinder eingeschult, die vor dem 30. Juni sechs Jahre alt geworden sind, sondern auch solche, deren sechster Geburtstag in der zweiten Jahreshälfte liegt.

Ernüchternde Forschungsergebnisse

Doch haben die Maßnahmen zur Absenkung des Schulanfänger-Durchschnittsalters auch wirklich etwas für die jungen Erstklässler bewirkt? Einige kritische Stimmen stellen dies in Frage: So hat das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) mittels einer Untersuchung von 10.000 hessischen Schülern herausgefunden, dass früh eingeschulte Kinder nach der vierten Grundschulklasse seltener aufs Gymnasium wechseln als ihre Klassenkameraden, die nach der "alten" Stichtagregelung Erstklässler geworden sind. Die Wahrscheinlichkeit ist sogar um ein Drittel geringer.

Andrea Mühlenweg, Bildungsökonomin am ZEW, verweist darauf, dass früh Eingeschulte im Vergleich zu ihren älteren Klassenkameraden nicht nur schlechtere Leistungen erbringen, sondern dass sie auch häufiger Opfer von Mobbing- und Gewaltattacken werden. Grund für die schlechte Leistungsprognose der Klassenjüngsten ist nach Meinung der Wissenschaftlerin, "dass sie permanent mit den älteren Schülern in der Klasse verglichen werden. Selbst wenn die Kinder intelligent sind und eigentlich die besten Voraussetzungen hätten, konkurrieren sie immer mit Mitschülern, die schon weiter sind als sie selbst." In einem anderen Interview warnt der Bielefelder Psychologe Rainer Dollase vor einer Überforderung der Fünfjähren mit ständig neuen Eindrücken und Anforderungen. In diesem Alter bräuchten Kinder eher eine sichere Bindung zu wenigen Bezugspersonen.

Ist also eine spätere Einschulung doch der Königsweg? Angesichts der Tatsache, dass ausgerechnet Pisa-Gewinner Finnland seine Kinder erst mit sieben Jahren in die Klassenzimmer bittet, könnte man zu dieser Ansicht kommen. Andererseits ist da auch die oftmals nicht befriedigte Neugier vieler Vorschulkinder im Kindergarten, ihr Spaß an Buchstaben und Zahlen, an Lernspielen und daran, etwa mit den älteren Geschwistern Unterricht zu spielen. Eltern macht dieser Zwiespalt oft ebenso rat- wie hilflos, denn schließlich wollen sie ihrem Kind weder die Möglichkeiten der individuellen Entfaltung und Entwicklung verwehren, noch ihm unbeabsichtigt allzu hohe Hürden errichten. Doch auf die Frage nach dem besten Einschulungsalter ist weder das eine noch das andere Extrem die einzig wahre Antwort.

Wissen allein genügt nicht

Um zu einer Lösung zu kommen, sollten Sie als Mütter und Väter mehr als nur die intellektuellen Leistungen Ihres Kindes in den Blick nehmen. Denn das Prädikat "schulfähig" setzt sich aus mehreren Bestandteilen zusammen: Mit Hilfe eines kleinen Fragenkatalogs lässt sich unabhängig von der offiziellen Schuluntersuchung herausfinden, wie es um die sozial-emotionalen Fähigkeiten und um das Arbeitsverhalten Ihres Vorschulkindes bestellt ist:

  • Kann Ihr Kind Regeln und Anweisungen verstehen und sich an diese halten?
  • Hört es anderen Kindern zu und lässt sie ausreden?
  • Kann es gut mit anderen Kindern spielen und zusammenarbeiten?
  • Verfügt es über einen altersgemäßen Wortschatz, kann es mit dessen Hilfe Konflikte verbal lösen?
  • Ist es in der Lage, Kompromisse einzugehen?
  • Hält es auch mal eine Enttäuschung aus?
  • Hat es Vertrauen in sich selbst und kann sich auch allein beschäftigen?
  • Findet es seine eigenen Arbeitsmaterialien im Großen und Ganzen wieder und kann es mit den erforderlichen Ordnungssystemen (abheften, wegräumen) umgehen?

Wenn die Antworten auf diese Fragen im Hinblick auf Ihr Kind eher negativ ausfallen und die Erzieherinnen im Kindergarten oder ihr Kinderarzt diese Einschätzung bestätigen, dann sollten Sie sich gegen eine frühe Einschulung entscheiden. Zu bedenken ist auch, dass die Altersunterschiede im Laufe der Zeit nicht unbedingt eingeebnet werden, sondern sich im Pubertätsalter vielleicht sogar noch stärker abzeichnen.

Können Sie diese Fragen jedoch größtenteils mit Ja beantworten, ist Ihr fünfjähriges Kind außerdem körperlich und motorisch fit, äußert es zudem den unbedingten Wunsch, in die Schule gehen zu wollen, dann sollten Sie eine frühere Einschulung durchaus in Erwägung ziehen.

Der individuelle Blick auf jedes Kind

Denn das oft gebrauchte Motto "Ein Jahr später zur Schule ist ein Jahr mehr Kindheit" muss nicht für alle Fünfjährigen das richtige sein. Dazu noch einmal die Bildungsfachfrau Andrea Mühlenweg: "Natürlich kann es für ein einzelnes Kind gut sein, früh eingeschult zu werden. Wenn ich ein entsprechend intelligentes Kind habe, das auch in der emotionalen Entwicklung so weit ist, dann profitiert das Kind von der Förderung. Man sollte nicht in jedem Fall davon abhalten, relativ früh zur Schule zu gehen. Auch ein früh eingeschultes Kind kann zum Überflieger werden."

Fazit: Eine einfache Lösung zum Thema Einschulungsalter gibt es nicht, wohl aber die Empfehlung für Eltern, sich nicht von äußeren Vorgaben leiten zu lassen, sondern sehr genau und ehrlich die individuellen Stärken und Schwächen des Kindes zu analysieren. Und nicht zuletzt spielen auch die Rahmenbedingungen an der Schule eine Rolle: Wie ist es um die Klassengröße bestellt? Welche pädagogischen Konzepte werden vertreten? Wie flexibel und aufgeschlossen ist man dort? Besteht etwa die Möglichkeit, eine Schnupperwoche zu absolvieren?

Außerdem kann es überhaupt nicht schaden, sich dafür stark zu machen, die Fördersituation für alle Kinder zu verbessern. Ein Ziel sollte es dabei sein, Kinder mit bestimmten Defiziten im letzten Kindergartenjahr speziell zu unterstützen, damit sich die sehr unterschiedlichen Voraussetzungen beim Schulstart annähern. Eine Maßnahme, die ohne die Entwicklung und Umsetzung von pädagogischen Konzepten sowie Personalkosten nicht zu haben ist, die sich aber auf Dauer für unsere Kinder und damit für die Zukunft unserer Gesellschaft auszahlen würde.

Ich bin freie Lektorin und Autorin und lebe mit meiner Familie in München. Ich schreibe auch für das kizz.-Magazin.

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