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Der offene Kindergarten

Ein Konzept für die Praxis

Der offene Kindergarten: Ein Konzept für die Praxis
 © Bild: Pavel Losevsky - Fotolia.de

Der offene Kindergarten ermöglicht Kindern und Erziehern unbelastet und ohne strenge Regularien miteinander umzugehen. Entstanden aus den reformpädagogischen Ansätzen und genereller Kritik an dem pädagogischen System bietet er viele Chancen.

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Das Konzept "offener Kindergarten" entsteht aus einer Basisbewegung kritischer praktizierender Pädagogen, die mit den Strukturen in den Erziehungseinrichtungen nicht mehr zufrieden waren. Kritik, Selbstkritik und Reflexionsbereitschaft der Erzieher/innen und ihre Bereitschaft, sich seit den achtziger Jahren verstärkt auf reformpädagogische Ansätze (wie Freinet oder Montessori) einzulassen, sollte die Situation der Kinder durch eine Öffnung der Gruppen verbessern.

Die "Öffnung" des Kindergartens will dazu beitragen, die Bewegungs- und die Entscheidungsräume der Kinder zu erweitern. Aber die Öffnung soll auch dazu führen, dass die pädagogische Arbeit der Erzieher/innen selbst sich öffnet. Das pädagogische Selbstverständnis ändert sich dem Konzept zufolge durch die Öffnung nach außen und die dadurch entstehende Transparenz des Erziehungsprozesses im Kindergarten - nicht zuletzt durch die dadurch angeregten öffentlichen Diskussionen.

Unterschiedliche Öffnungsperspektiven

Der Begriff "offener Kindergarten" bzw. "Öffnung des Kindergartens" steht für unterschiedliche Praktiken und Perspektiven. Im folgenden sollen drei Perspektiven und die dazugehörigen Praktiken unterschieden werden:

  1. Öffnung des Kindergartens für die Kinder

    Immer mehr wird das Kind als eigenständige Persönlichkeit angesehen mit bestimmten Entwicklungsbedürfnissen und Interessen. Erzieher/innen nehmen die Wünsche und Ideen der Kinder ernst und akzeptieren ihre Sichtweisen. Man will sie an der Planung von Aktivitäten und an der Setzung von Regeln beteiligen und lässt sie selbständiger und eigenverantwortlicher handeln. Durch eine Öffnung der Kindergartengruppen (breitere Altersmischung) zueinander werden Kindern mehr Wahlmöglichkeiten gelassen. Sie können ihre Aktivitäten an ihren eigenen Interessen und Wünschen ausrichten. Öffnung heißt aber auch eine Öffnung des Kindergartens zu seinem Umfeld. Die Kinder verlassen den Kindergarten, um in der Natur oder im Gemeinwesen zu lernen und lebensnahe Erfahrungen zu machen.
  2. Öffnung für die Eltern/Erziehungsberechtigten

    Durch die Öffnung des Kindergartens für die Eltern soll die pädagogische Arbeit transparenter gemacht werden. Die Eltern können auf diese Weise an der pädagogischen Arbeit teilhaben und diese mitgestalten. Mitbestimmungsrechte und Möglichkeiten zur Mitarbeit werden ihnen eingeräumt. Durch diese Einbeziehung kann auch die Erziehung in den Familien selbst beeinflusst werden.
  3. Öffnung für die Erzieherinnen

    Die Öffnung des Kindergartens bedeutet für die Erzieher/innen selbst eine mögliche Verbesserung ihrer pädagogischen Arbeit. Die Erzieher/innen werden durch die Öffnung dazu gebracht, sich neuen Praxisfragen und -problemen zu stellen, eigene Lösungen zu finden und zu erproben und diese zu begründen. Andere Fachkräfte (z.B. Heilpädagog/inn/en) könnten durch die Öffnung in sogenannten "Bunten Teams" im Kindergarten mitarbeiten. Eine Öffnung hin zu Fort- und Ausbildungsstätten trägt dazu bei, die Ausbildung von Erzieher/innen zu verbessern. Auch können Kindergärten, die außergewöhnliche oder neue Schwerpunkte in ihrer pädagogischen Arbeit gesetzt haben, sich Besuchergruppen öffnen und Ausbilder aus den eigenen Reihen entsenden. Durch die Öffnung wird auf diese Weise die Auseinandersetzung mit verschiedenen praktischen und theoretischen Aspekten des Lernens und der Entwicklung angeregt.

Öffnung zu Medien und Politik

Eine Öffnung des Kindergartens kann aber auch hinsichtlich der Medien oder der Politik geschehen. So arbeiten einige Einrichtungen mit den Redaktionen örtlicher oder überregionaler Zeitungen, Fernsehstationen und Rundfunksendern zusammen. Öffentlichkeitsarbeit umfasst aber auch die Selbstdarstellung von Kindergärten gegenüber Eltern und Gemeinde. Darüber hinaus greifen einige Einrichtungen politische Themen in ihrer pädagogischen Arbeit auf. Andere Erzieher/innen werden politisch aktiv und setzen sich für eine Verbesserung der Lebenssituation von Kindern in Kommune und Gesellschaft oder für bessere Arbeitsbedingungen in Tageseinrichtungen ein.

Offene Kindergärten haben mehr Profil

Ingeborg Becker-Textor zufolge wird zukünftig die Profilierung der einzelnen Kindergärten immer wichtiger. Die vielfältige Öffnung der Kindergärten trägt dieser Entwicklung Rechnung. Denn beim offenen Kindergarten handelt es sich nicht um ein fertiges Konzept, das klare Strukturen vorgibt, sondern um eine Umschreibung für vielfältige Arten der Öffnung und der Gestaltung. Die oben angedeutete Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet dem einzelnen Kindergarten einen Weg der Profilierung - die Entwicklung einer individuellen Gestalt. Die einzelnen Kindergärten können diese Gestaltungs-Freiräume nutzen, die der Entwicklungsprozess zum offenen Kindergarten bietet, und gleichzeitig aus dieser Freiheit heraus eigene Profile entwickeln, die sich auszeichnen können durch verschiedene Formen pädagogischer Arbeit oder durch individuelle Schwerpunktsetzungen in der Erziehungsarbeit.

Der offene Kindergarten ist kein fertiges Theorieprodukt, sondern er entsteht aus der Praxis (selbst-)kritischer Pädagogen und Pädagoginnen, die sich mit den herkömmlichen, geschlossenen Strukturen in den Erziehungseinrichtungen nicht mehr zufrieden geben. Mit Kritik, Selbstkritik und Reflexionsbereitschaft und mit der Bereitschaft, sich auf reformpädagogische Ansätze einzulassen, versuchen die Erzieher/innen die Situation der Kinder durch eine Öffnung der Kindergarten-Gruppen verbessern.

Diese Öffnung des Kindergartens und der Gruppen ist vor allem mit der praktischen Entwicklung vom Sitz- zum Bewegungskindergarten verbunden. Insbesondere bei Einrichtungen in Niedersachsen wurde die "Psychomotorik" im Laufe der 80er Jahre immer bedeutsamer. Die vielfältigen Tätigkeiten des Kindes beim Bewegen und Handeln sind enorm wichtig für das Lernen und die Entwicklung. Der Schritt zum Bewegungskindergarten war ohne die Öffnung der Gruppen nicht denkbar. Kinder benötigen zum Bewegen und Spielen viel Platz. Für das "Bewegungslernen" boten sich somit nur größere Räume (Halle, Flure) oder der Außenbereich an.

Offener Kindergarten heißt auch selbstkritische Öffnung der Person

Ein weiterer Punkt bei der Umsetzung des offenen Kindergartens in die Praxis betrifft die Offenheit des Kindergarten-Teams. Mit Offenheit ist die Bereitschaft der Erzieher/innen gemeint, sich im "Prozess der Umgestaltung mit Interesse und Lust 'aufzuschließen'" und in Beziehung zu anderen Personen zu treten (siehe Literaturangaben). Bereitschaft zu Kritik und Selbstkritik sind zentral für dieses Konzept. Die Fähigkeit soll gestärkt werden, bei sich Gedanken, Gefühle, erlebten Druck, Widerstände und Unsicherheiten wahrzunehmen und darüber in einem Team mit anderen Personen sprechen zu können. Diese Aufgeschlossenheit sich selbst gegenüber soll sich fortsetzen in der Aufgeschlossenheit anderen gegenüber wie den Kindern und ihren Lebenshintergründen, den Kollegen und Kolleginnen und den Eltern. Diese Art der Wissenserweiterung ist notwendig, um sichtbare Veränderungen kompetent und professionell in die Praxis umsetzen zu können.

Einen kindgemäßen Entwicklungsrahmen bieten

Durch die selbstkritische Praxisreflexion der Erzieher/innen wird ein dem Kind gerecht werdender Entwicklungsrahmen geboten, der nicht statisch, sondern variabel bleibt. Eine kind- und zeitgemäße Pädagogik im offenen Kindergarten ist das Ergebnis individuellen und gemeinsamen Sich-Öffnens und Erforschens und ist nicht aus einer starren Theorie heraus herstellbar oder in einfacher Weise von der Praxis eines anderen Kindergartens zu übernehmen. Gerhard Regel und Thomas Kühne schreiben dazu: "Gemeinsam zu forschen und einen für die Kinder geeigneten offenen Entwicklungsrahmen aufzubauen erfordert, das Einzelkämpfertum der bisherigen Arbeit abzulegen und gemeinsam mit den KollegInnen eine Teamentwicklung anzustreben. Ohne diese hätte die Basisbewegung der offenen Arbeit nicht stattgefunden." (siehe Literaturangaben)

Vier Akzentsetzungen beim offenen Kindergarten

Die Öffnung des Kindergartens lässt sich nicht als eine immer gleichlaufende Geschichte beschreiben. Vielmehr sind die Möglichkeiten mindestens so zahlreich wie die Kindergärten. Die Öffnungsprozesse hängen von der Situation der Kinder, der Teams und von den örtlichen Begebenheiten ab. Die Praxis zeigt Regel und Kühne zufolge (siehe Literaturangaben), dass vier "Akzentsetzungen" den offenen Kindergarten besonders voranbringen:

Die Öffnung der Türen - Dadurch werden Spielmöglichkeiten erweitert und die pädagogische Praxis gleichzeitig für Kolleginnen anderer Gruppen sichtbar gemacht.

Das gruppenübergreifende Arbeiten - Die Kinder besuchen andere Gruppen und pflegen Freundschaften. Verschiedene Angebote stehen für alle Kinder zur Verfügung. Die Erzieher/innen können sich auf bestimmte Aufgaben konzentrieren (Fachfrauen).

Gleichwertigkeit des Innen- und Außenbereichs während der gesamten Kindergartenzeit - Der Kindergarten erstreckt sich nun bis zum Zaun und ist nicht nur ein Haus mit einer Auslaufwiese. Gleichzeitig zwingt diese Veränderung dazu, das Außengelände nach und nach attraktiver zu gestalten.

Umgestaltung der Gruppen- und Nebenräume sowie der Flurbereiche zu unterschiedlichen Spielräumen - Kinder können so besser ihren Spielbedürfnissen nachgehen als in Stammgruppen. In Verbindung mit dem Außengelände und zeitweiser Abwesenheit von Kindergruppen durch Aktivitäten außerhalb des Kindergartens kommt es zu einer Entzerrung, die "hausgemachte" Aggressionen vermeiden hilft.

Der offene Kindergarten hat in den letzten Jahren immer mehr Anhänger gefunden und der Kreis der Kindergärten, die diese Praxis zum Ziel haben, erweitert sich ständig. Nach Regel und Kühne zeigen die Erfahrungen, dass der Weg zum offenen Kindergarten zwei bis drei Jahre dauert (siehe Literaturangaben). Sie schreiben: "Entscheidend ist dabei jedoch, sich immer des Prozesscharakters der Öffnung bewusst zu sein. Insofern ist es auch müßig, von halboffener Arbeit zu sprechen. Jeder Schritt in Richtung einer Öffnung ist offene Arbeit, die schließlich durch die qualitativen Veränderungen zum offenen Kindergarten führt."

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3 Kommentare

Von am

Die Idee eine "Offene" Kita zu gestalten, finde ich total spannend.
Wir machen uns als Einrichtung gerade auf den Weg, Altersmischung im Haus zu integrieren. Leider stoßen wir auf massive Widerstände bei den Eltern.

Von am

ich bin eine Gegnerin des offenen Kindergartens. Nach 42-jähriger Berufspraxis kann ich nicht verstehen, wieso sich das Kind mit diesem Konzept besser entwickeln soll. Die Erzieherinnen sind doch gar nicht dafür ausgebildet. In unseren europäischen Nachbarländern wird das offene Konzept äußerst kritisch gesehen und nicht umgesetzt. Warum wohl?
Es mag in kleinen mittelständischen Einrichtungen ja noch gut gehen, aber in großen Brennpunkt-Einrichtungen brauchen Kinder doch was anderes. Nämlich Beziehungsverlässlichkeit, Kontinuität und Überschaubarkeit. Erzieherinnen haben gar keine Zeiten zu Verfügung, um Entwicklungsverläufe zu besprechen und dem Kind angemessene Anregungen zu geben. Meines Erachtens dient dieses Konzept nur der Personaleinsparung.
Wann bekommen Erzieherinnen endlich die Arbeitszeiten und Anerkennung wie Grundschulleherinnen??? Klare Trennung zwischen Arbeit mit den Kindern und ca. die Hälfte für Vor-und Nachbereitungen, Beobachtungen, Teamarbeit, Elternarbeit etc.

Von am

Offenes Arbeiten kann und muss meiner Meinung nach in allen Kindertageseinrichtungen umgesetzt werden!!! In erster Linie bedarf es jedoch einer Grundhaltung aller pädagogischer Mitarbeiterinnen, die sich in einer offenen und dem Kind zugewandten Haltung widerspiegelt. Stellt man sich die Frage, wie Kinder nachhaltig lernen, welche Kompetenzen sie für ein (Über-)Leben in unserer Gesellschaft für die Zukunft benötigen und wie sie mit Veränderungen umgehen lernen, dann beantwortet sich die Frage nach offener Pädagogik quasi von selbst. Wir haben uns in unserer Einrichtung mehr und mehr für die Kinder und deren Angehörige geöffnet und befinden uns seitdem in einem Prozess der Veränderungen. Strukturen und Abläufe passen wir entsprechend an die Kinder an und nicht umgekehrt. Es wäre für uns, aber vor allem für die Kinder heute undenkbar, die Türen wieder zu schließen und ihnen der gewonnenen Eigenständigkeit zu berauben. Die Kinder, aber auch wir Erwachsene lernen im Alltag so viel voneinander und übereinander - und genau das macht nachhaltige Bildung aus. Keine künstlichen Lernsituationen, kein "Frontalunterricht" und keine 25 Kinder, die zur gleichen Zeit genau das Gleiche lernen (müssen) - denn das funktioniert nur in den Köpfen von Erwachsenen, die sich nie wirklich mit der Entwicklungspsychologie von Kindern auseinandergesetzt haben, bzw. wissen, was man Kindern alles zutrauen kann. Ich hoffe, ich lehne mich mit meinen Worten nicht zu weit aus dem Fenster - aber meine Arbeit mit den Kindern beweist mir jeden Tag aufs Neue, welche Fähigkeiten in Kindern stecken, wenn man ihnen in sämtlichen Situationen offen begegnet und Offenheit zulassen kann. Das ist allerdings kein einfacher Prozess und erfordert viel Selbstreflektion und vor allem Mut zu Veränderungen!

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